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Pflichten sind nicht immer Pflichten

Es gibt eine bestimmte Zeit, um zu handeln und es gibt eine bestimmte Zeit, um nicht zu handeln. Dies nennt sich Rhythmus. Dies nennt sich Kreislauf.

Das Gegenteil von Rhythmus und Kreislauf ist Starre und Beharrung. Man kann diese gegenteiligen Begriffspaare auch ersetzen durch „Pflicht“ und „Recht“ oder durch Bestimmung und Wunsch.

Wir können sagen, dass, wenn wir dem Rhythmus von Handeln und Nichthandeln folgen, wir der uns auferlegten „Pflicht“ nachgehen und unsere universelle Bestimmung finden werden. Wir können sagen, dass, wenn wir dem Rhythmus von Handeln und Nichthandeln nicht folgen, wir in Starre verfallen, um unser „Recht“ zu verteidigen, nach unseren persönlichen Wünschen zu leben.

Verwende ich in Unterhaltungen in diesem Zusammenhang das Wort „Pflicht“, dann stoße ich bei vielen – eigentlich den meisten – meiner Adressaten auf reflexartigen Widerstand und Ablehnung. Der Wunsch nach Pflicht ist nicht besonders ausgeprägt. Vielleicht sind die Pflichten des Alltags bereits so überbordend, dass wir da, wo wir es uns aussuchen können – wünschen können – gerne darauf verzichten. Nur sind die Pflichten des Alltags mit den Pflichten unseres Weges, von denen ich spreche, nicht zu vergleichen.

Der Zweck der Pflichten des Alltags ist es, uns als Bauteil in der Maschine der materiellen Gesellschaft dienen zu lassen. Da wir dort nur eine bestimmte und begrenzte Funktion haben, lassen sie uns nur zielgerichtet in einem schmalen und hochwandigen Betonkanal dahingehen. Sie sind Zwang.

Im Gegensatz dazu entlassen uns die Pflichten unseres Weges in eine weite sonnenbeschienene Ebene, in der wir weit sehen und uns mit unseren Mitgeschöpfen vereinen können. Diese Pflichten haben den Zweck, allem und jedem jederzeit und überall zu dienen. Sie nehmen uns bei der Hand und führen uns zu unserer Bestimmung.

Die Schöpfer der Pflichten des Alltags wissen von dem inneren Bedürfnis des Menschen nach Bestimmung. Nur können sie ihm mehr als den Betonkanal und das Leben als zum Verschleiß bestimmtes Wegwerf-Zahnrad nicht bieten. So wird der Betonkanal mit „Spaß!“ bunt angemalt, mit „Spannung!“ grell ausgelegt und mit „Spiel!“ tosend überdacht.

Spreche ich mit Menschen, die sich in diesem Kanal befinden, dann finden sie meine Worte oder das Thema immer öfter „Spannend!“. Es erscheint mir grotesk, weil mit „Spannung“ hat das, worüber ich rede, nicht im Mindesten etwas gemein. Im Gegenteil. Diese Menschen aber haben in jenem Betonkanal die Worte vergessen, die ihre Gefühle eigentlich ausdrücken würden. Eigentlich wollen sie sagen: „Berührend. Mein Herz schmerzt. Ich erkenne eine Sehnsucht. Ich werde traurig, weil ich erkenne, dass mir etwas fehlt. Ich möchte laut weinen und schluchzen. Ich wachse. Ich spüre unbekannte Kraft. Ich spüre Heimat. Aber das einzige Wort, dass ihnen spontan in den Sinn kommt ist „Spannend!“.

Das Wunderbare ist aber: Die anderen Worte lassen sich von ihnen wiederfinden. Es bedarf nur einer gewissen Zeit außerhalb dieses grellen Kanals, um sich ihrer wieder zu erinnern. Außerhalb des Kanals, der den Rhythmus der Jahreszeiten verneint. Außerhalb des Kanals, der die dunkle Nacht zum Tage machen will. Außerhalb des Kanals, der die Menschen nicht in ihren natürlichen Kreisen gehen lässt, sondern sie zwingt, ihre Position zu verteidigen. Ist dieser Schritt hinaus aus dem Kanal in die Ebene geschehen, dann bekommt das Wort „Pflicht“ wieder eine andere Bedeutung. Die im Kanal angelernte Abneigung gegen diesen Begriff löst sich auf und dann bekommt das Wort „Pflicht“ eine Verbindung mit dem Wort Geborgenheit. Und die Worte „Wunsch!“ und „Recht!“ zeigen sich in Ihrer ganzen Starre, Einsamkeit, Verlassenheit und fröstelnden Kälte und Härte. Sie zeigen sich in ihrer hilflosen Ich-Zentrierung und Orientierungslosigkeit, die Angst erzeugt und daraus Hass und Zerstörung entstehen lässt, wenn Wunsch auf Wunsch und „Recht“ auf „Recht“ trifft.

Wer sich in der Ebene befindet, der empfindet das Streben nach Recht und Wünschen nur noch als verwirrende Blockaden, die ihm den Blick auf seine Bestimmung verwehren. Als Schattenspiele, die ihn davon ablenken, seine Führung zu entdecken und ihr in Gelassenheit und Geborgenheit zu folgen.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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