.

Der freie Wille

Betrachten wir die Ergebnisse der Zwillingsforschung, die getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge untersucht, dann können wir erahnen, wie bedeutsam das Wirken unseres genetischen – materiellen – Schicksals für unser Leben ist. Diese Zwillinge, die sich nie kannten und in völlig unterschiedlichen Familien und Umgebungen aufwuchsen, nannten beispielsweise ihre Kinder gleich, heirateten beide zwei mal und bei beiden hießen ihre Frauen Betty und Linda. Sie nannten ihren Hund Toy, waren einmal als Hilfssheriffs tätig und machten an den gleichen Orten Urlaub. Andere hatten die gleichen Gewohnheiten, wie Gummibänder um das Handgelenk zu legen oder an der einen Hand fünf Ringe und zwei Armbänder zu tragen. Sie teilten Krankheiten, Ansichten, Vorlieben und Abneigungen und verwendeten zur Beschreibung sogar die selben Worte wie der andere. Sie schrieben Tagebuch und ließen die gleichen Tage aus, wie ihr weit entfernter Zwilling.

Mir stellt sich die Frage, warum wir so auf der Existenz unserer Selbstbestimmtheit, unseres freien Willens, beharren. Warum ist es so wichtig, dass wir entscheiden können und unser Leben in die Hand nehmen können?

Wo ist der Unterschied, zwischen einer Existenz, in der wir planen und handeln können und dadurch etwas erreichen oder etwas nicht erreichen, in der wir einen freien Willen haben und doch bezüglich des Erfolges oder Misserfolges unserer Pläne von der ganzen Welt um uns herum abhängig sind, einerseits und einer Existenz, die schicksalhaft geführt ist, andererseits?

Ist unsere Existenz schicksalhaft, dann geschieht alles – auch „wir“ – ohne „unser“ Zutun.

Unterliegt unsere Existenz unserem freien Willen, dann existiert die Welt ebenfalls ohne unser Zutun. Der einzige Unterschied liegt in den Gedanken unseres Verstandes, die dann „frei“ wären. Hätte alles Erfolg, was unser Verstand planen würde, dann wäre das mit dem freien Willen eine große Sache. Aber haben wir nicht auf (so gut wie) nichts wirklichen Einfluss? Weder auf den Lauf der Schöpfung, noch auf die Durchsetzung unserer Pläne? Ist das wenige, was wir aus freiem Willen zu erreichen scheinen, nicht nur eine Illusion, an der wir uns krampfhaft festzuhalten versuchen? Aber warum? Warum ist das so? Warum sollten wir freien Willen der schicksalhaften Führung vorziehen? – Die Antwort auf diese Frage liegt im Schmerz. Zu unserem Schicksal gehört die Existenz in der Getrenntheit und der materiellen Einsamkeit. Wir wollen diesen Schmerz nicht als schicksalhaft akzeptieren und wünschen, diesem durch einen Akt des freien Willen entkommen zu können. Wir können nicht akzeptieren, dass wir diesen Schmerz möglicherweise nicht lindern können. Unser Überlebensinstinkt lässt eine solche Sicht der Dinge nicht zu. So ist die Idee vom „freien Willen“ vielleicht sogar eine unausweichliche Konsequenz aus der Funktion unseres Verstandes. Denn der Verstand ist das Werkzeug des Überlebensinstinktes und soll uns vor Schmerzen bewahren.

Gäbe es nur das eine Weltschicksal, dann dann wären wir ein Teil davon und wir müssten uns unentrinnbar bis zu unserem Tode in den Schmerz fügen. Gibt es aber den freien Willen, dann gibt es zumindest schon einmal Zwei. Es gibt dann mich und das Schicksal. Da ich nun einen Gegner habe, bin ich in der Lage, ganz zur Materie zu werden und mit allen Mitteln das Schicksal zu bekämpfen, um dem Schmerz – zumindest scheinbar – immer wieder zu entkommen.

Nur können wir nicht siegen. Der Schmerz gehört unauslöschlich zu unserer menschlichen Existenz. Im Tod, in der Auflösung unserer materiellen Existenz, erst endet der Schmerz. Bis dahin sind wir ihm ausgeliefert. Mit freiem Willen und auch ohne ihn.

Deswegen: Ist es nicht besser, geführt seinen Weg zu gehen, als ohne Ruhe gegen Spiegel zu fechten und doch nichts Ewiges erreichen zu können? Ist die Annahme des Schicksals nicht gleichbedeutend mit der Existenz einer unausweichlichen Führung? Ist die Ablehnung des Schicksals nicht gleichbedeutend mit dem „freien Willen“? Ist vielleicht diese Entscheidung über Annahme und Ablehnung unser einziger wirklich willentlicher Akt? Es ist dies die Entscheidung, die uns dem Schicksal ruhend folgen lässt oder die uns dem Schicksal im immerwährenden Kampf folgen lässt. Das Schicksal ist da. Wie wir es sich entfalten lassen – ob in Ruhe oder im Kampf – das liegt in uns selbst begründet.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

Der Inhalt dieser Webseite darf zu nicht kommerziellen Zwecken unter Angabe der Webadresse im Zusammenhang frei verwendet werden. Kontakt könnt Ihr gerne über info@omkarnath.de mit mir aufnehmen.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner