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Was Worte können. Und was nicht.

Der Fürst Liang saß auf der Terrasse seiner Thronhalle und war in das Studium seiner Bücher vertieft.

Der alte Wagner Tschen, der unten im Hofe mit der Reparatur der fürstlichen Kutschen beschäftigt war, sah dies und ging zu ihm hinauf.

Er fragte: „Mein Fürst, welche Bücher lest Ihr denn da?“

„Es sind die Schriften der weisen Könige des Altertums und der erleuchteten Heiligen, die wir lesen.“, antwortete der Fürst.

Tschen fragte: „Ja, leben diese weisen Könige und erleuchteten Heiligen denn noch oder sind sie bereits tot?“

Der Fürst antwortete: „Sie sind alle schon lange tot.“

Daraufhin erwiderte der Wagner: “So ist es nur der Bodensatz und die wertlosen Überbleibsel dieser Könige und Heiligen, die Ihr dort studiert.“

Der Fürst wurde etwas ungehalten ob der Reden seines Wagners und sprach: „Das Studienmaterial Deines Fürsten zu kritisieren ist etwas, dass Dir wahrlich nicht zusteht! Hast Du gute Gründe für Dein Reden, so soll es gut sein. Hast Du diese nicht, so musst Du sterben!“

Der Wagner Tschen sprach: „Mein Fürst, ich sehe es aus der Warte meines eigenen Berufes.

Wenn ich ein Rad mache und die Speichen sind zu stramm, dann passen sie nicht in die Nabe des Rades. Sind die Speichen zu locker, so ist das Rad nicht stabil und es geht auseinander. Nur wenn die Speichen genau richtig passend sind, so wird daraus ein gutes Rad. Es ist ein Kniff dabei. Ein Trick oder ein Kunstgriff. Etwas, das sich nicht erklären lässt. Ich kann es meinen Sohn nicht lehren und er kann es von mir nicht lernen. So kommt es, dass ich mit 80 Jahren immer noch Euer Wagner bin.

Nun haben die Könige des Altertums und die erleuchteten Heiligen, das, was sie nicht sagen und nicht erklären konnten, mit ins Grab genommen. Und so ist das, was geschrieben steht und gesagt werden kann, nur der Bodensatz und die wertlosen Überbleibsel der weisen Könige des Altertums und der erleuchteten Heiligen.“

Der Fürst sprach: „Gut.“

Dschuang Tse, 365 v. Chr.

Vielleicht erscheint es eigenartig, einem Buch eine Geschichte über die Wertlosigkeit von Büchern voran zu stellen. Nun ist es, den Worten des Wagners nach zu urteilen, aber anscheinend eine altbekannte Erkenntnis, dass die Worte allein den Leser zu keiner Heilung oder seelischen Erkenntnis verhelfen können.

Die Sprache – aus deren Worten Texte unbestreitbar bestehen – ist eine Konstruktion unseres Verstandes und somit – weil er es letzten Endes auch nicht besser weiß – gebunden an die Beschränkungen von Zeit und Raum. Gebunden an die materielle Welt.

Gebrauchsanleitungen für technische Geräte, Aspekte, die sich mit Gestern, Heute, Morgen oder Hier, Da und Dort oder dem Aufteilen und Zusammenfügen von materiellen Dingen beschäftigen, lassen sich wunderbar geschliffen, von fachmännischem Wissen glänzend, in unserer Sprache darlegen. Aber jeder, der einmal versucht hat, Aspekte wie „Ewigkeit“ oder „Unendlichkeit“ „rational“ zu erfassen, wird bestätigen können, wie schwierig bzw. gar unmöglich dies in unserem sprachlichen Denken ist. Wir kommen beim Versuch, das Nichterklärbare zu erklären, mit den uns zur Verfügung stehenden Worten ins Stolpern und in Erklärungsnot. Wir Verwenden Vergleiche und Beispiele aus anderen Bereichen und am Schluss haben wir vielleicht noch gehörige Kopfschmerzen. Aber eine für unseren Verstand befriedigende Vorstellung von Ewigkeit und Unendlichkeit, von Beseeltheit und Jenseits haben wir dann trotzdem immer noch nicht. Wenn wir uns aber mit der Existenz unserer Seele und ihren Aspekten befassen, so kommen wir um die Einbeziehung dessen, was wir als „Ewigkeit“, „Unendlichkeit“ und letztendlich als „Zeitlosigkeit“ bezeichnen, nicht herum.

Leider bleibt uns nur die Sprache mit all ihren Unzulänglichkeiten im Ausdruck von spirituellen Belangen, um unsere inneren Erkenntnisse unserem Gegenüber mitteilen. Betrachtet man die Schriften der Mystiker und Religionsstifter, so findet man sich plötzlich wieder in einem See von Metaphern, Geschichten, Vergleichen, Gleichnissen und Parabeln, die nur einen Zweck verfolgen: Das, was der Autor nicht sagen kann – Wo ihm die Worte fehlen -, auszudrücken; das zu erleuchten, was DA ist, aber nicht in der Welt von Raum und Zeit. Das, was in der Ewigkeit und der Unendlichkeit existiert – seiend in den Gefilden unserer Seele – dem Leser in zumindest in indirekter Form irgendwie sichtbar, erahnbar, wahrnehmbar zu machen. Ihn auf Umwegen zum Erkennen in seinem Inneren zu verhelfen.

Es ist der Versuch, mit der Sprache des Verstandes dem „Kniff“ des Wagners Tschen aus der einführenden Geschichte nahe zu kommen; der Versuch, den Leser an den Rand zu bringen, von dem aus er den eigenen Sprung machen kann (oder sogar muss) und woraufhin er dann das Unsagbare und nicht Erklärbare auf der Ebene seiner Seele selber erkennen kann: Das Wissen um seine eigene Beseeltheit, das Wissen um seine jenseitige Existenz, die sich in der Ewigkeit und der Unendlichkeit mit allem vereint. Er nimmt das Holz und ohne hinzuschauen, ohne einen bewussten Gedanken – blind – erschafft er das perfekte Rad, weil er den unsagbaren und unerklärlichen „Kniff“ des Wagners Tschen in seinem Inneren erfahren hat. Und auch er, der Leser, könnte ihn nun niemandem erklären…

Dieses Wissen ist nicht das Lernwissen des Verstandes. Es ist das in Worten nicht ausdrückbare Wissen der Seelenwelt. Nun ist es das seit jeher Tragische, dass der Mystiker dem Verstandesmenschen nur zurufen kann: „Erfahre es selbst oder es bleibt Dir nur zu glauben!“ Und der Verstandesmensch zuckt die Schultern und sagt: „Kannst Du es mir nicht zeigen und beweisen, so ist es nichts wert. Nur was mein Verstand weiß ist wirklich und wahr. Also wähle ich die Dritte Möglichkeit: Ich zweifele es an!“

So kommt auch dieses Buch mit Sicherheit über die von unserem Wagner Tschen hart aber doch sehr wahr als „Bodensatz“ bezeichneten Aspekte inneren Erkennens nicht hinaus. Mehr ist mir nicht möglich. Ihr eigenes inneres Erkennen liegt am Ende ganz bei Ihnen. Und da sind Sie ganz allein. Kein Text hilft Ihnen dabei (heutzutage muss man noch ergänzen: auch kein Vortrag und auch kein Seminar).

Damit Sie nun nicht glauben, betrogen zu sein und das Buch umsonst gekauft zu haben und morgen Nachmittag Ihrem Buchhändler bittere Vorwürfe machen, hier doch noch ein Trick, von dem unser guter Herr Tschen anscheinend noch nichts wusste: Studieren Sie den Inhalt dieses Buches nicht. Lesen Sie es einfach, wie Sie vielleicht beim Zahnarzt die Zeitschriftenartikel über Ihnen unbekannte Menschen überfliegen. Versuchen Sie, nichts mit Ihrem Verstand aus den Worten heraus zu extrahieren. Lesen Sie einfach von vorne nach hinten und wenn Sie auf Seite Zehn vergessen zu haben scheinen, was auf Seite Neun stand: Wunderbar! Das was auf Sie wirken kann ist nicht der Text (siehe Wagner Tschen). Es ist auch nicht der Gedanke auf dem der Text basiert. Es ist das, was hinter diesem Gedanken steht. Und das ist schon das Unsagbare, das sich direkt an unsere Seele wendet. Denn da ist der Ort, an dem gewirkt werden soll. Unser Verstand kann ruhig alles vergessen bzw. gar nichts begreifen. Das ist nicht schlimm; Es ist eigentlich gewünscht. Unser Verstand hat unser ganzes Leben – und das von vielen Generationen unserer Vorfahren – lang die Oberhand. Wo es uns hingebracht hat das sehen wir ja. Daher spricht hier nichts dagegen, wenn es einmal deutlich heißt: „Seelen-Erkenntnis ohne Verstandes-Erkenntnis“. Diese Haltung entspricht auch dem Konzept der schamanischen Seelen-Heilung: „Erst kommt die Heilung – dann das Verstehen.“ Im Gegensatz zu psychologischen Ansatz, der das Verstehen als Grundlage für Heilung voraussetzt. Und im Gegensatz zur rationalistischen Aufklärung, die Gott für nichtexistent erklärt hat. Und im Gegensatz zum Materialismus, der nur Materie und Zeit und Raum für wahr hält. Auch in meinen Seminaren bitte ich die Teilnehmer immer ganz herzlich, letztendlich das, was ich das ganze Wochenende erzählt habe, tunlichst zu vergessen und nur das mitzunehmen, was – vom Verstand meist unbemerkt und unkontrolliert – von der Seele aufgenommen wurde und genau das sich über die Zeit entwickeln zu lassen. Ohne Ziel. Ohne Erwartung. Ohne ein „So muss es doch sein und so muss es doch werden!“ Sobald wir anfangen nachzudenken, übergeben wir das Ruder dem Verstand. Versuchen Sie, anzunehmen und auf die Analyse zu verzichten. Beobachten und Erkennen Sie bewusst das Vertrauen, das Sie in die unsichtbar und langsam wirkende Kraft Ihrer Seele setzen können (und wie viel Mühe Sie dieses Vertrauen, Abgeben, Loslassen zuerst kosten wird – und wie Ihr Verstand das versucht, was er mit am Besten kann: Zweifel säen). Vergessen Sie und warten Sie ab.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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