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Warum unser Verstand nie zur Ruhe kommt

Ich bin gereizt! Vor zwei Stunden hatte ich mich aufgemacht, um mal eben eine Lampe mit Bewegungsmelder im Brennholzschuppen anbringen zu wollen. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer. Unverrichteter Dinge. Gereizt. Der Plan war eigentlich einfach: Der Brennholzschuppen teilt sich die Rückwand aus Holz mit meiner Werkstatt. Die Stromkabel laufen innerhalb der Werkstatt genau an dieser Wand entlang. Also mal eben ein Loch in die dünne Holzwand gebohrt, Kabel durchgezogen, in der Werkstatt an die Strom-Verteilerdose angeschlossen, im Holzschuppen an die Bewegungsmelder-Lampe-Kombination angeschlossen, Strahler festgeschraubt, fertig! Tadaa! Und meine Frau heute Abend schön überraschen, wenn sie beim Holz holen keine Taschenlampe mehr braucht. Toller Plan. Nur geschehen ist folgendes: Es begann damit, dass die Werkstatt total voll gestellt war und ich erst einmal unzählige Bretter und Kisten und Eimer und was weiß ich sonst noch alles hinausschleppen musste, damit ich überhaupt die Stehleiter richtig aufstellen konnte, die ich benötigte, um das besagte Loch bohren zu können und um an die in der oberen Ecke befindliche Verteilerdose zu gelangen. So fing es schon an. Als ich dann endlich auf der Leiter stand – nachdem ich im ganzen Chaos erst einmal lange nach einem passenden Kabel gesucht hatte -, musste ich mir anschauen, wie vor 50 Jahren der Elektriker ein völliges Durcheinander von zusammengestopften Drähten in der endlich von mir erreichten Verteilerdose hinterlassen hatte, in welchem es kaum noch eine Möglichkeit gab, zwei weitere Drähte ohne größere Neuverkabelungsmaßnahmen anschließen zu können. Toll! Mal eben! Das Lochbohren ging dann erstmal ganz gut. Beim zweiten Anlauf. Beim ersten Versuch hatte ich einen Balken auf der anderen Seite erwischt. Irgendwie hatte ich dann, akrobatisch auf der Leiter hängend und umgeben von sehr aufgeregten und missmutigen, riesigen Hausspinnen, die Kabel im Schweiße meines Angesichts in zwei der übervollen Lüsterklemmen gemurkst. Ergänzt wurde diese Aktion von wiederholtem Gestolper über die Unmengen der vor der Werkstatttür liegenden Bretter und Eimer, um die Sicherung im entfernten Sicherungskasten immer wieder testweise ein- und dann wieder auszuschalten. Leiter runterhangeln, stolper, stolper, Sicherung ein, zurück, Leiter rauf, messen: kein Strom. Alles wieder retoure. Ein unglaubliches Gehampel, an dem ich mir und meiner Unordnung immer genervter und muffiger werdend eine große Mitschuld gab. Nun waren die Kabel auf der Werkstattseite irgendwann doch angeschlossen und ich musste nur noch die Lampe mit dem Bewegungsmelder auf der anderen Seite anschließen. Ich schraube, in Erwartung einer sehr baldigen Zielerreichung, den Deckel des Kästchen hinter dem sich die Anschlüsse des Bewegungsmelders befinden ab. Vier rostige und widerspenstige Schrauben. Aber egal! Gleich ist‘s geschafft! Die letzte Schraube ist gelöst. Freudig nehme ich den Deckel ab – und starre fassungslos auf ein Sammelsurium von sechs losen Drähten, die der Vorbesitzer des Strahlers alle akribisch aus der im Kästchen lose herumliegenden Lüsterklemme entfernt hatte. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie diese Kabel alle wieder verbunden gehören! – Ich sacke innerlich zusammen. Das war es. Ich gehe erschöpft – und gereizt – ins Haus. Ich bin geschlagen. Strom ist nicht so mein Ding (Ich weiß, dann sollte man auch den Fachmann rufen. Jaja.) und die ganze Schlepp-, Stolper-, Hänge- und Würgeaktion war erst einmal umsonst. Energievergeudung.

Ich sitze in meinem Sessel und habe schlechte Laune. Schlechte Laune ist Wut. Die Schuldzuweisung an mich, der ich keine Ordnung halten kann, an das Schicksal, an den Elektriker, der die Verteilerdose so übervoll belegt hat, an den Vorbesitzer, der die Kabel am Strahler nicht einfach da lassen konnte, wo sie gewesen waren und an das Leben selbst.

Ich frage mich von außen: Warum ist mein Verstand denn jetzt noch wütend? Die Sache ist doch jetzt gar nicht mehr akut. Du sitzt jetzt hier im Sessel, das Feuer lodert gemütlich im Ofen und du könntest Dir jetzt einen schönen Kaffee machen oder sonst etwas Nettes unternehmen. Die mal-eben-verkabeln-Aktion ist doch schon Geschichte.

Ist sie nicht!“, antwortet es in mir, Das ist es ja eben! Ist sie nicht! Sie ist nicht Geschichte, weil ich einen Plan hatte. Eine Zukunftsprognose, die beinhaltete, dass heute Abend im Holzschuppen ein funktionierender Bewegungsmelder mit Lampe anwesend ist. Dies wird heute Abend nicht so sein. Und heute Abend haben wir noch nicht. Deswegen ist die Sache nicht Geschichte, denn die Trennung und der Schmerz, den ich spüre, rührt von einem zukünftigen Ereignis her. Und so fühle ich den Schmerz mindestens bis zum Eintreten der Nacht und der Erkenntnis, dass mein Wunsch so schmerzhaft von der Wirklichkeit getrennt worden ist!“

Nachdem mein Verstand mir so sein Leid geklagt hatte, wurde mir klar: Das ist es, warum er (unser Verstand) nie zur Ruhe kommt. Das ist es, was uns von den Tieren unterscheidet, die sofort wieder in die Ruhe gehen können, wenn ein trennendes – schmerzendes, ängstigendes – Ereignis eingetreten und wieder vergangen ist. Wir planen. Wir denken an „die Zukunft“. Immer. Deswegen ist unser Schmerz immerwährend, weil es in der anscheinend immer und ewigen Zukunft unendlich viel potentiellen Schmerz gibt, den wir schon im Vorfeld aufnehmen können. Schmerzt die Gegenwart nicht und schmerzt die Vergangenheit nicht, dann gibt es unendlichen Schmerz in zukünftigen Ereignissen, die der Verstand, prognostizieren, antizipieren, berechnen und vor allen als Schmerz bewerten kann. Er hat immer die Zukunft als Feind vor Augen. DESWEGEN kann er nie abschalten und zur Ruhe gehen. DESWEGEN ist er in seinem nie endenden und nie pausierenden Kampf – gegen die ganze, ganze unendliche Zukunft und alle ihre möglichen Ereignisse. Eine Wolke von unendlich vielen schmerzhaften Möglichkeiten.

Die Tiere haben dies nicht. Sie verrichten zwar die Aufgaben für ihr Jahr, aber wie sehr ist es die natürliche Führung, die sie ihren Weg gehen lässt. Keinem Tier würde es einfallen, von seinem natürlichen Weg abzuweichen und einmal etwas ganz anderes zu machen, weil es irgendeine entfernt mögliche negative Zukunft prognostiziert, in der selbst der unwahrscheinlichste aller Fälle bedacht werden müsste. Weil es nichts bedenkt. Weil es diese Zukunftswahrnehmung nicht hat.

Wie ist das denn dann? Sind wir die Einzigen, die so eine Vorstellung überhaupt haben? So eine Vorstellung von Zukunft? So eine Vorstellung, dass da etwas noch nicht Geschehenes ist, das sich in unendlicher Vielfalt völlig unkontrolliert entwickeln kann? Ist dies vielleicht die Illusion, die unseren Verstand so verrückt gemacht hat? Gibt es die unwägbare „Zukunft“ vielleicht gar nicht und alle Wesen und alles Sein außer uns ist sich dessen bewusst und plant nichts, weil es nichts zu planen gibt? Weil gar nichts geplant werden kann? Weil es gar keine unbestimmte und so gefährliche Zukunft gibt? Ist die Zukunft nur ein Trugbild, das unseren Verstand und uns in Angst und allen ihren Facetten hält?

Das frage ich mich so, als ich mich frage, warum ich denn so gereizt bin.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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