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Eine Form der Angst ist die Sorge

Eine Form der Angst ist die Sorge. Ich erinnere mich an eine Phase meines Lebens, in der sich das „Gefallen“, im Gewand der Sorge um möglichen Verlust, heimlich meiner bemächtigt hatte. Ich hatte zu dieser Zeit große Sorge, etwas vor dem Vergehen bewahren zu müssen. Nachts schlief ich nicht richtig gut und tagsüber waren meine Gedanken ebenfalls von diesen besorgten Gedanken gefangen. Es war die Angst vor dem Verlust, die mich antrieb. Die mich spielte, wie ein Instrument. Mein Denken war bestimmt von der Sorge um unser Haus und von der Sorge um mein altes Auto. Die Bäume, die so nahe an unserem Haus wuchsen! Die Wurzeln! Gingen sie nicht bereits unter das Fundament? Spürte ich unter dem Parkett nicht bereits, wie der dünne Estrich gebrochen war und der Fußboden von den Wurzeln der gewaltigen Kiefern und Tannen in die Höhe gedrückt wurde? Wo sollte das enden? Immer wieder hörte ich von den Bäumen „Vertraue!“ Aber ich konnte es nicht. Jeden Tag schaute ich sorgenvoll in die Wipfel, den Stamm herunter und dann auf den Boden, in dem meiner Ansicht nach verborgen die Zerstörung lauerte. – Mein Auto! Mein altes Auto! – Es war gerade völlig fehlerfrei über den TÜV gekommen, mit seinen 26 Jahren – Vielleicht rostete es ja! Am Unterboden! In den Radkästen! Passte ich nicht auf, dann wäre es in zwei Jahren zu spät und ich müsste es verschrotten lassen. Nur weil ich nicht aufgepasst habe! Immer wieder malte ich mir aus, wie – unbemerkt von mir – der Rost heimlich und verborgen Tag für Tag für Tag sein vernichtendes Werk tat. Bis es zu spät sein würde. Jetzt konnte ich es noch verhindern!

Ich „mochte“ unser Haus und ich „mochte“ mein Auto. Mit anderen Worten, ich hatte Angst, sie zu verlieren. Verlieren an etwas Schleichendes und Heimliches, das sich meiner Kontrolle entzog, bis es zu spät sein würde. Ich musste etwas tun, um sie zu bewahren! Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes fundamentale Ängste.

Also grub ich die Erde um unser Haus bis einen Meter Tiefe auf und kaufte zehn Dosen Unterbodenschutz für den Wagen. Nach meinen Grabungen stellte ich fest, dass KEINE einzige Wurzel dieser so gewaltigen Bäume sich dem Fundament unseres Hauses auch nur genähert hatte, geschweige denn es unterhöhlt und auf perfide und heimliche Art in die Höhe gedrückt hatte. Als ich mich mit den Sprühdosen bewaffnet unter mein Auto gelegt hatte, stellte ich in schweigender Verblüffung fest, dass es KEINE einzige Stelle an dem Fahrzeug gab, die eine Imprägnierung auch nur im Geringsten benötigt hätte. Trotzdem versprühte ich alle Dosen. Sicher ist sicher! Sagte mir mein besorgter Verstand. In diesem Moment wurde mir schlagartig und deutlich bewusst, das hier irgend etwas völlig aus dem Ruder gelaufen war! Und ich war beschämt. – „Sicher ist sicher!? Sicher ist sicher???Pah! Was hat Dich Dein seelisches Wissen eigentlich bis heute gelehrt?! Nichts!? Gar nichts!?! Überhaupt nichts???!! Sicher ist sicher??? Ich glaub‘ ich spinne!!!“ – Ich war so beschämt. All die Jahre fuhr ich den Wagen und er fuhr und fuhr (Natürlich gab es einzelne Verschleißteile, die getauscht werden mussten, aber das war normal und gehörte dazu). Ich musste mir nie Sorgen machen und durfte selig sein wie ein Kind. Und jetzt hatte ich kein Vertrauen. Nicht einmal, als mir meine eigenen Augen bewiesen hatten, dass ich nichts zu befürchten hatte, als ich schauen durfte, dass der Wagen völlig in Ordnung war, selbst da konnte ich nicht vertrauen und musste mir die „Sicherheit“ noch mit zehn Dosen Sprühwachs erkaufen und war mir danach trotzdem nicht sicher, ob ich auch wirklich alles vollständig eingesprüht – geschützt! – hatte. – Das Haus! Die Bäume sagten mir monatelang, ich solle vertrauen, sie wollten uns kein Harm. Doch ich musste graben! Ich musste graben und feststellen, was für ein Narr ich war. Ich musste feststellen, wie behütet ich doch war und dass ich es aber nicht mehr fühlen konnte! Absägen wollte ich die Bäume vorher schon fast! Jedes mal, wenn ich sie mit meinen Blicken maß, suchte ich auch nach der passenden Schneise, in die ich sie nacheinander hätte fallen lassen können. Sicher ist sicher! Mein seelisches Wissen war zu dieser Zeit schwach. Meine Vereinzelung, meine Angst, meine Sorge, etwas zu verlieren, war groß… Und so musste ich es machen wie der ungläubige – besser: der unwissende – Thomas: Ich musste die Wahrheit sehen und erfühlen. Musste sie mit dem Verstand wahrnehmen, weil meine seelische Wahrnehmung so abwesend war. Ich weiß, wie schwer es sein kann, zu vertrauen… zu wissen

Wie oft zeigt sich jedem von uns, dass unsere Sorge so unbegründet war? Wie oft müssen wir erkennen, dass all unser Sorgen und all unser Tun, unsere Aufwände, unnötig und überflüssig waren, weil sich alles auch „von selbst“ gerichtet hätte? Wir sagen dann „von selbst“. Besser wäre es zu sagen „Wir waren behütet und für uns war gesorgt.“

Ist nicht gerade dann, wenn wir viel sorgen, viel bewegen und viel Aufwand treiben, um etwas zu erreichen – oder zu bewahren – unsere Beharrung mit im Spiel? Resultieren diese großen Sorgen und Aufwände nicht daraus, dass wir zäh etwas behalten oder erringen wollen, das vielleicht schon lange gegangen sein sollte oder das einfach nicht auf unserem Weg liegt? Sollten wir, statt zäh zu beharren, nicht lieber loslassen und in Vertrauen auf Gott, im Wissen um die Liebe und die Einheit, das Schicksal sich erfüllen lassen? Wichtig ist es, zu fühlen – zu wissen -, dass wir darauf vertrauen können, dass alles „von selbst“ gerichtet wird. Nicht unbedingt so, dass es uns „gefällt“, aber so, dass es richtig wird.

Ich weiß nicht, warum ich gelegentlich in solche Phasen der Sorge gerate oder warum es andere Menschen tun. Nur denke ich, dass es notwendig ist, diese Phasen als solche zu erkennen. Zu wissen, dass sie aus einem Mangel an seelischem Wissen und Vertrauen resultieren. Dass sie in einem Zuviel an Vereinzelung und Angst ihre Ursache haben. Ich weiß nicht, was man dagegen tun kann, wenn man in dieser Phase ist. Es scheint individuell zu sein. Vielleicht hilft das Erkennen bereits dabei, das Schicksal wieder wirken zu lassen.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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