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Drei Bäume

Stille herrscht an diesem frühen Morgen. Die Dämmerung setzt ein, während ich, am Feuer sitzend, noch meine Tasse Kaffee in den Händen halte. Es herrscht Zwielicht und ich bin in mich gekehrt. Es ist ein besonderer Morgen. Heute sollen drei Bäume fallen. Durch meine Hand. Sie sind auf das Jahr genauso alt wie ich. Ein Zufall… Das Zwielicht schwindet. Es ist soweit. In Ruhe stelle ich die leere Tasse auf den Tisch. Ruhigen Schrittes verlasse ich das Haus. Ich gehe in den Schuppen, kleide mich langsam aus und kleide mich mit schnittfester Kleidung wieder an. Die Hose, die Jacke und die Schuhe. Draußen erscheint die Welt in einem rosigen Licht. Ein paar Vögel begrüßen den Tag. Es ist ein ganz frischer, ganz klarer, ein ganz neuer Tag. Ich gehe schweigend und langsam zu den Bäumen. Ich berühre sie in Freundschaft. Ich schaue an ihnen hoch. Sie müssen gehen. So habe ich es beschlossen. Langsam, Jahr für Jahr, beanspruchten sie mehr und mehr Licht für sich. Langsam, Jahr für Jahr, wurde es dunkler in unserem Haus. Ich weiß, dass sie wissen, was kommen wird. Ich weiß, dass sie mehr wissen als ich und dass sie bereit sind zu gehen. Kommen und Gehen. Beides gehört zum Sein. Sie wissen das seit Beginn ihrer Existenz und sind bereit. Ich gehe zurück in den Schuppen. Ich hole die Leiter und das Seil. Ich bringe sie zu den Bäumen. Ich hole die Motorsäge, das Benzin und das Öl. Ich hole den blauen Gehörschutz. Und die Axt und den Keil. All das lege ich auf den Tisch vor dem Schuppen. Ein langsames und ernstes Ritual. Bewusstheit. Fokussierung auf das, was kommt. Heute werden drei Tannen gehen. Durch meine Hand… Ich fülle die Säge mit Benzin und Öl. Ich prüfe die Schärfe und die Spannung der Kette. All die Dinge auf dem Tisch trage ich nun hinter die Bäume. Sie sollen alles sehen. Sie sollen sich vorbereiten. Ich stelle die Leiter an den ersten Baum, nehme das lange Seil und binde es in einigen Metern Höhe am Stamm fest. Ich klettere hinab und gehe mit dem Seil in die Richtung, in die der Baum fallen soll. In die Richtung, für die ich mich entschieden habe. Ich ziehe das Seil stramm und binde es an den Stamm eines anderen Baumes. Es wird die Tanne leiten und ihr helfen, in die richtige Richtung zu fallen. Es ist nur eine ganz leichte Spannung auf dem Seil. Ganz sanft und behutsam soll es den Baum führen. Ich gehe zurück. Noch einmal berühre ich den lebenden Baum. Ich setze den Gehörschutz auf. Unmittelbar wird es still um mich herum. Noch stiller als es eigentlich vorher bereits gewesen war. Sie ist herrlich diese absolute Stille. Ich möchte mich setzen, die Augen schließen und den Rest des Tages nur in dieser Stille verbringen. Fern von allem anderen Geschehen. Doch das geht heute nicht. Alles hat seine Zeit. Ich prüfe noch einmal die Richtung, in die der Baum fallen soll. Es ist so still. So wunderbar still…Ich nehme alles nur mit den Augen wahr. Es erscheint alles so anders, wenn kein Geräusch es begleitet. Ich starte die Motorsäge nach Vorschrift. Kettenbremse einlegen. Schalter auf Position Kaltstart. Starterseil einmal ziehen. Der Motor blubbert einmal dumpf. Schalter auf Position Choke. Starterseil ziehen. Der Motor läuft heulend an. Schnell Schalter auf Position Betrieb. Der Motor beruhigt sich und läuft langsam vor sich hin. Kettenbremse raus nehmen. Die Säge ist bereit. Es ist nicht mehr still. Ich höre die Säge. Ein dumpfes, wummerndes Geräusch. Nun wird es geschehen. Ich gehe mit ihr zum Baum und mache einen waagerechten Schnitt auf der Fallseite. Etwas ein Viertel der Stammdicke tief. Jetzt setze ich oberhalb davon einen Schnitt 45 Grad nach unten an. Die beiden Schnitte treffen sich. Ein keilförmiges Stück Stamm fällt heraus auf den Boden. Nun ist die Richtung endgültig bestimmt. Es gibt kein zurück mehr. Der 25 Meter hohe und tonnenschwere Riese muss nun fallen und seine irdische Existenz beenden. Wir wissen es beide und ich bitte darum, dass er es mir nicht schwer machen wird. Ich gehe zur Rückseite des Baumes und setze auf Höhe des Keils einen weiteren waagerechten Schnitt an. Ich nehme dem Baum nun seine Stabilität. So ist es vorgesehen. In wenigen Sekunden steht der Koloss nur noch auf einem zehn Zentimeter breiten Stück seines Stammes. Er ist durch mich zu einem gewaltigen Pendel geworden und ich stehe direkt unter ihm. Ich schaue nach oben und der Baum erscheint mir so unendlich groß. Wie vermessen ich doch bin in dem, was ich da tue. Ich höre die Säge und ich höre meinen Atem. Ich bitte darum, dass das Pendel richtig ausschlagen wird. Ich spüre meinen Puls… Und dann beginnt es. Ich spüre es mehr, als dass ich es sehe. Der Gewaltige kippt. Langsam, ganz langsam bewegt er sich aus der Senkrechten. Ich schalte die Motorsäge aus – Stille – und trete langsam ein paar Schritte zurück. Der Baum kippt wie in Zeitlupe. Und als er gerade schneller werden will, berührt er auch schon den Boden. Leise ist es unter meinem Gehörschutz. Ich spüre nur den dumpfen Aufschlag durch den Boden in meinem Körper. Stille. Ich lege den Gehörschutz ab. Ich besehe das Werk und bin dankbar, voller Demut und glücklich. Ich gehe an der Länge des Baumes entlang und besehe mir seine Spitze. Es erscheint mir so eigenartig, dass diese Spitze, die eben noch in über 20 Metern Höhe gethront und alles überragt hat, die nur die Vögel und die Eichhörnchen zu sich ließ, hier zu meinen Füssen liegt und ich sie nun mit meinen Händen berühren kann, wo sie doch vor Minuten noch so fern und unerreichbar war. Sie ist so fern von ihrem Element hier auf dem Boden… Ich bedanke mich. Ich gehe zurück in den Schuppen und wechsele die Kleidung. Ich ziehe eine leichte Arbeitshose an, gehe zurück und nehme die Axt. Rhythmisch, Schlag für Schlag, mal neben, mal über dem Stamm stehend, entaste ich nun den gefallenen Baum. Ich nehme dafür nicht die Säge. Es wäre einfacher, aber ich habe das Gefühl, dass ich es dem Baum schuldig bin, etwas von meinem Schweiß und meinem Blut für seine Tötung hinzugeben. Also schwinge ich die Axt in meinem Schweiße und Ast für Ast wird vom Stamm getrennt. Beginnend unten und endend da, wo früher die höchste Krone war. Die Äste sind so erstaunlich viele und so erstaunlich schwer. Ich nehme sie und trage sie zu einem Haufen zusammen. Nun liegt der Stamm frei. Er ist nackt und nur noch in der Erinnerung ein Baum. Ich messe mit einem Holz den Stamm in Meterlänge ab. Markiere die Abstände mit einem Hieb mit der Axt. Ich wechsele noch einmal die Kleidung zurück – Gehörschutz – Stille -, Säge, Startvorgang – und teile den Stamm in Meterstücke. So verfahre ich an diesem Tag weiter mit den anderen beiden Bäumen. Gleich alt, gleich groß, wie der erste. Einer nach dem anderen. An diesem Abend muss ich durch den Wald gehen. Langsam, schweigend, berührt von einem eigenartigen Gefühl. Drei Bäume sind gegangen. Alle drei gepflanzt in dem Jahr meiner Geburt. Alle drei wussten von Kommen und vom Gehen. Es war ein erhabener Tag. Ein Tag, an dem sie mir vieles gesagt haben. Ein Tag, an dem ich ihren Segen erhalten habe und sie die Geheimnisse des Lebens mit mir geteilt haben, indem sie durch mich gegangen sind. Ich gehe, mit gesenktem Kopf und mit den Händen in den Hosentaschen. Plötzlich stehe ich vor einem alten Wacholder. Viel, viel älter als die drei Bäume oder ich. Ich lächle und setze mich zu seinen Füßen. Ich ruhe in Frieden. Danke. Danke, dass dieser Tag so gut sein durfte.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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