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Das Handeln im Warten

Der Verstand hasst das Warten. Besonders, wenn es unerwartet und plötzlich in seine Existenz hineintritt.

Er ist durch äußere Einflüsse hilflos zum Nichtstun verdammt. Seine Pläne gehen nicht auf. Die Kette von Ursache und Wirkung hat sich verselbstständigt und nötigt ihm die Erkenntnis ab, dass er trotz aller Ich-Beharrung und Individualisierung doch so sehr von allem anderen abhängig ist. Unwillig stellt er fest, dass seine Gottgleichheit doch so zerbrechlich ist und so schnell an die Grenzen ihrer Macht kommt. Wenn das Schicksal oder der Zufall oder einfach eine Verabredung, die zu spät kommt, es wollen: Dann muss er warten. Und er ist missmutig, weil er nichts tun kann.

Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sich – zumindest für die Zeit des Wartens – von seinen Plänen zu verabschieden und den Gedanken an das Zukünftige zu verlieren. Die (Warte-) Zeit zu verlieren. Vielleicht zu Boden zu schauen. Und dort das erste Mal das Linienmuster der Gehwegplatten bewusst wahrzunehmen. Nur noch dieses zu sehen. Sich darin zu versenken. Zu erkennen, dass es da ist, auch, wenn mein voller Terminplan mir sonst jegliche Aufmerksamkeit darauf entzieht. Den Kopf zu heben. Sich langsam umzuschauen. „Was ist denn da noch in dieser Welt, was ich nie wirklich sehe? Was ist da noch, was ich in dieser Zeit der Stille und des Nichthandelns in mein Herz gelangen lassen kann? Mein materielles Handeln hat eine Zwangspause verpasst bekommen. Was sagt mir der Straßenbaum neben mir auf nicht materieller Ebene? Ruhige Betrachtung. Einkehr. Und dann auf einmal! Auf einmal ist die Wartezeit vorbei! Weiter soll es gehen im schnellen Schritt dem geplanten Ziel entgegen! – Und eventuell würde sich der Verstand nun wünschen, die Warte-Zeit doch noch ein wenig verlängern zu können. Noch ein wenig in dieser Oase verweilen zu dürfen. Die Oase, die so nah ist und doch in seiner täglichen Wahrnehmung nicht zu existieren scheint. Eine Fata Morgana, die nur in der Wartezeit wirklich zu werden scheint. – In der Wartezeit. Die einzige Zeit in der der Verstand mit seinen Tätigkeiten ruhen muss. Und das nur, weil er dazu gezwungen ist. Aber er darf nicht verweilen! Weiter muss er, weil alle weitergehen. Sein Rhythmus ist der Rhythmus der Getriebenen, die im Gleichklang sinnlos durch ihr Leben driften…

Die Wartezeit kommt niemals geplant. Wenn sie uns überrascht, dann sollten wir diese seltenen Gelegenheiten nutzen.

– – – Ich schrieb diesen Text vor einiger Zeit. Nun möchte ich etwas ergänzen: Eine der letzten Lücken außerhalb seines Einflussbereichs ist vom Verstand geschlossen worden. Die Wartezeit, die sich so ungeplant und so erschreckend außerhalb seiner Kontrolle einst einstellte: Sie existiert nicht mehr. Der Verstand verbreitet sich über das weltweite Funknetz. Er ist immer und überall präsent im kabellosen Internet. Wessen Ego sich von der Gefahr des Wartens und dem Verlust der Handlungsfähigkeit bedroht sieht, greift einfach zu seinem Smartphone. Dann ist der Verstand wieder aktiv. Er wischt und wuscht und tippt Meinungen, generiert aus Meinungen, erzeugt von Meinungen, basierend auf Meinungen von unzähligen Egos, die nur eins wollen, nämlich handeln, handeln, handeln um jeden Preis und die nichts mehr fürchten, als die Leere, in der sie einmal zur Besinnung kommen könnten. – Die Wartezeit am Bus, an der Kasse, im Stau, am Bahnhof, im Café, am Schalter, sie ist fast ausgerottet worden in unserer Gesellschaft. Eine vom Aussterben bedrohte Art, die so fruchtbar und heilsam für den Menschen wäre, könnte er sie nur für sich wieder entdecken.

Niemals darf der Schmerz uns leiten. Unser Handeln erwächst aus dem angstlosen Wissen um unsere Geborgenheit im Sinn, um unsere Beseeltheit und um die ewige Einheit von allem. Wir handeln immer in Liebe zu allem und jedem. Es existiert keine innere Trennung. Niemals darf der Schmerz allein uns leiten.

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