Der Heuschnupfen plagt mich. Oder zumindest eine Allergie. Meine Gesichtshaut ist leicht geschwollen. Ich habe ein paar rote Pickel. Auch auf der Nase. Wie in einer etwas späten Pubertät. Meine Haare gehen seit Corona mehr und mehr aus. Der Haarkranz wird immer dominanter. Besonders, wenn die paar restlichen Haare auch noch schlecht liegen… Ich habe schlecht geschlafen heute. Viel zu lang. War anscheinend erschöpft. Mir geht es körperlich nicht gut. Ich habe heute frei und es ist warmes sonniges Wetter. Eigentlich möchte ich zuhause bleiben, aber ich fühle, dass mein Körper etwas Sonnenlicht und -wärme schätzen würde. Kein T-shirt gewaschen…. Dann eben die Baumwoll-Kurta. Ist ja auch egal heute, wie ich aussehe. Ganz klein und defensiv machen wir uns heute. Ganz unattraktiv, ganz schwach und ganz komisch gekleidet…. Etwas in mir missfällt das. Dem jetzt schon genervten Teil. Dem Survival-Teil, der meint, dass das unter Menschen nicht gut gehen kann….
„Einen Cappuchino bitte. Mit Hafer-…drink.“ sage ich freundlich am Tresen und schaue dann, wieder in meinen Gedanken versunken, direkt auf die Eiskarte, um die Bestellung gleich zu erweitern. Eigentlich bin ich nur wegen dem Eis hier. Ich habe mich dann aber doch noch für einen Cappuccino entschieden. Körper und Verstand führen heute das Regiment.
„Haben Sie Angst, Milch zu sagen?“ tönt es amüsiert selbstbewusst und etwas provozierend an mein Ohr.
Was? Ich blicke überrascht auf. Kalt erwischt sozusagen. Schaue den jungen, etwas dunkelhäutigen Mann mit Undercut, Zopf, runder Brille und nicht unsympathischem rundem Gesicht, ein Student vielleicht, prüfend an.
Hä? Was will er? Milch? Ob ich Angst habe, Milch zu bestellen? Ob ich Angst habe, Milch zu trinken? Oder was? Beurteilt er jetzt meine Bestellung und will mich zur Rede stellen, weil ich keine Milch bestelle? Was ist denn hier jetzt los?
Ich weiß, dass in diesem Café Haferdrink geschlagene 50 Cent extra kostet.
Ist das hier so eine Intoleranz gegen Nicht-Milch-Trinker? Und außerdem: Angst? Warum Angst? Will er sich lustig über mich machen und mir eine Milchangst unterstellen? All das denke ich in ca. 1,5 bis 3 Sekunden. In der letzten zehntel Sekunde schwant mir aber schon, was er wahrscheinlich wirklich meinen könnte. Ach so. Hafermilch wahrscheinlich. Gut. Ich habe ja auch gezögert. Aber nicht aus Angst!
Um etwas Zeit zu gewinnen und aus der Defensive eine Offensive zu machen, frage ich etwas irritiert
„Bitte?“
Ich bin auch neugierig aber leider auch leicht verteidigungsbereit. Wer mir Angst unterstellt, der möchte mich schwächen. Der will keine gleichen Positionen. Deshalb: Der Teil, der heute morgen schon nicht gut drauf war, der schmerzende Körper und der unzufriedene Verstand, bekommen ihr Aktivierungssignal. Der Herzschlag erhöht sich bereits leicht…. Schlimm. Gleichzeitig will ich mich instinktiv einem absehbaren Schlaumeier-Schlagabtausch entziehen.
„Haben Sie Angst, Hafermilch zu sagen?“ bekomme ich als starke Antwort, die die Blitzanalyse meines überfallenen Verstandes bestätigt.
Unsere Blicke verhaken sich. Jetzt verstehe ich, worauf er raus will. Irgendwie sein Thema. Warum macht er sonst so ein Theater deswegen. Unterstellt, ich würde aus Political-Correctness-Gründen „Drink“ statt Milch sagen. Hätte Angst vor was auch immer.
Der schlecht-drauf-Teil lässt immer noch den Puls etwas erhöht, aber der weise Teil von mir, der heute morgen Defensive und Kleinheit als Tagesmotto ausgegeben hat, übernimmt.
„Naja, es ist ja auch keine Milch.“ Sage ich versöhnlich, logisch und klar. Begebe mich in die Defensive. Erkläre mich, ohne dass ich dem Servierer gegenüber irgendwie dazu verpflichtet wäre. Ich wollte nur einen Cappuccino. Das war alles.
„Scheuermilch auch nicht.“ Die Versöhnlichkeit und Logik meiner Äußerung ignorierend und in seinem mit mir verhakten Blick nur noch funkelnde Provokation ausstrahlend, startet der Kellner seinen nächsten Überraschungsschlag.
Bamm! Ich war einfach in meinen Gedanken, wollte nur einen Cappuccino mit Hafer…-drink, ein Eis und meine kurze Lebenszeit damit verbringen, diesen verdammten Kosmos und das Leben ein wenig besser zu verstehen und jetzt noch so ein heimtückischer Überraschungsangriff! Mein Kopf wird wieder leer. Verwirrung für die nächsten drei Sekunden. Ich sehe nur eine gelbe Meister Proper Flasche vor mir und mein Verstand begreift die erste Sekunde nicht, wie das Gesagte jetzt in den Zusammenhang passen soll. Ich starre ihn an. Wie, als wenn ich eine Gestalt in tiefstem Nebel zu erkennen versuchte.
Ahh, Milch. Okay, Scheuermilch. Will der mich jetzt abservieren? Der ist doch vorbereitet auf dieses Thema. Hat diesen Schlaumeierblödsinn schon zig mal in seiner WG durchdiskutiert und mit seiner Freundin schlau getan und mit ihren Freundinnen. Hat keinen Zweck, da jetzt Kapazitäten zu aktivieren. Aber passt der Vergleich überhaupt? Der passt doch gar nicht! Ich weiß jetzt in diesen zwei Sekunden nicht wieso – bin halt nicht vorbereitet auf dieses Thema und diese Wendung! – aber irgendetwas passt da nicht! Kleiner Scheißer.
Unsere Blicke erstarren in diesen drei Sekunden, in denen mein Verstand versucht, den Kontext wieder zu finden und irgendetwas darauf zu entgegnen.
Scheuermilch. Was ist denn das für ein Wort? Warum kommt der mir mit Scheuermilch? Belehrt mich über Scheuermilch? Benutze ich dieses Wort überhaupt? Ich weiß es nicht. Wie kann er mich jetzt einfach beschuldigen inkonsistent zu sein und angeblich Scheuermilch zu sagen, aber nicht Hafermilch!?
„Ich weiß gar nicht, ob ich dieses Wort überhaupt verwende…“ sage ich ruhig und langsam. Ehrlich nachdenklich. Mit verhaktem Blick.
Gute Antwort. Vielleicht sage ich ja gar nicht „ScheuerMILCH“. Was soll das dann? Kann er mich gar nicht mit belehren, dann, dass ich inkonsistent sei und gar nicht weiß, was ich sage. Hah, hah….
„Gut.“ sage ich ruhig, etwas genervtes Desinteresse an einem sinnfreien Gespräch vorgebend. Schaue in etwas gespielter Irritation wieder auf die Eiskarte.
„Ich nehme nur den Cappuccino.“, sage ich. Ihm jetzt meinen vergangenen Appetit in die Schuhe schiebend.
„Oh das tut mir leid, wenn Sie jetzt kein Eis mehr wollen.“ sagt der junge Mann auf dem Weg zur Kasse. „Sollte ein Scherz sein.“
Eigentlich wollte mein Ego auch schon den Cappuccino abbestellen. Aber das erschien mir doch als zu theatralisch und ich konnte es gerade noch verhindern.
„Kein Problem.“, sage ich gelassen. Der Herzschlag immer noch leicht erhöht. „Das Ego braucht manchmal etwas Schlaumeierei. Dann fühlt es sich besser.“
„Danke, dass Sie mir das wenigstens noch lassen.“ sagt er.
Hä? Und was soll das jetzt heißen? Ich ihm noch lassen? Was habe ich ihm denn weggenommen? Ich wollte nur einen Kaffee und ein verdammtes Eis. Den Rest hat er sich selber zuzuschreiben. Er hat doch mit diesem Mist angefangen.
Eine junge Frau kommt mit dem Cappuccino mit Haferdrink zum Tresen.
„Das Herz ist nicht so schön geworden…“ sagt sie.
„Kein Problem.“, sage ich lächelnd.
EPILOG
Wenn zwei Egos aufeinander prallen, dann kann da nichts bei rauskommen…Er hatte nicht seinen Fight, wir haben uns beide schön belehrt, er fühlte sich sichtlich schlecht am Ende und ich habe aus theatralischen Gründen mein Eis nicht bekommen…. Gut, dass es auch das Weibliche noch gibt in dieser Welt. Das sich darum sorgt, ob das Herz denn auch schön geworden ist auf dem Cappuccino….
Ein eigenartiges Zusammenkommen. Ein Ego im Zusammenziehen begriffen – im Leid – trifft ein Ego in Expansion. Ob dieses instinktiv meine Schwäche gespürt und dann einen dieser üblichen „Scherze“ machen wollte, die den anderen versteckt beschädigen sollen, um sich selbst über ihn ausdehnen zu können? Mir Angst unterstellen zu wollen, um eine für mich negative Tendenz von Beginn an zu manifestieren? Nicht zu fragen, ob ich „es vermeide“ beispielsweise. Was ein gleichberechtigtes Gespräch ermöglichst hätte.
Und ein Ego, meines, dass zwar im Zaum ist und nicht wirklich eskalieren kann, aber nur zu 80% in seiner Reaktion dem Tagesmotto folgen kann, welches niemals sein Tagesmotto sein könnte, wenn man es alleine entscheiden ließe.
Dann belehre ich den jungen Mann am Schluss. Das Ego belehrt das Ego. So, wie es nicht sein sollte. Habe Kante gegeben, damit der andere durch Leid etwas lernt. Was nie funktioniert. Wäre ich weniger Ich gewesen, ich hätte ganz anders handeln können. Ganz ohne Notfallprogrammstart.
Der junge Kellner. Vielleicht wirklich ein Scherz. Aber einer dieser Schädelscherze, die etwas gemein sind und auf die man smart und sarkastisch oder ironisch reagieren muss, damit sie funktionieren. Dieser Smartheit wollte ich mich eigentlich entziehen. Das war es, glaube ich, warum ich nicht anders konnte als ich konnte. Deeskalieren trotz zweier Egos in Boxhandschuhen. Ruhig bleiben auch beim zweiten Punch, der mich aus der Reserve kitzeln sollte. Alles Versuche, mich zu einer Reaktion zu bringen, auf die wieder Reaktion folgen kann und wieder und wieder und wieder. Ein Feuerwerk immer smarterer und mit einander kämpfender Kopf-Reposten. Das liebt der schlaue Verstand. Krieg überall. Aber der junge Kellner denkt, es sei ein Spass…… So hat er es gelernt…
Irgendwie so war das wohl…Hat keinem was gebracht. Und ich habe nicht mal mein Eis gekriegt….
Abgesehen davon: Es ist wichtig, dass wir wissen, was wir sagen und wie wir etwas benennen. Später wurde mir klar, was da bei der Scheuermilch nicht passte. Milch und Haferdrink sind beides flüssige Lebensmittel. Milch kommt aber vom Tier. Deshalb scheint es mir klarer, bei Hafergetränken nicht von Milch zu sprechen. Bergkäse kommt auch nicht vom Berg sondern auch von der Kuh, ist echter Käse. So kommt keiner auf die Idee Hafermilch sei Milch, die etwas mit Hafer zu tun hat.
Scheuermilch ist kein Lebensmittel. In dem Zusammenhang bedeutet Milch einfach flüssige und weiße Konsistenz. Jedem ist klar, dass es sich um keine Milch im eigentlichen Sinne handelt. Wie bei Wolfsmilchgewächsen, die einen weißen Pflanzensaft haben.
Klar auszudrücken, was wir meinen, wird immer wichtiger, in Zeiten, in denen mit Manipulation des Denkens durch falsche Definitionen immer mehr versucht wird, die Menschen ihrer Klarheit zu berauben und Macht durchzusetzen.
Wenn in den USA das Militär gegen überwiegend friedliche Demonstranten mit anderer Meinung als die Regierung in LA eingesetzt wird, weil diese Menschen als bezahlte radikalisierte Linke, die eine Rebellion gegen den Staat führen und Immigranten, als Kriminelle, die den Staat zerstören wollen, bezeichnet werden, dann müssen wir alle darauf dringen, die Dinge möglichst genau und präzise zu betrachten und uns dementsprechend auch auszudrücken.
Auch dem etwas dunkelhäutige Kellner könnte da an Klarheit gelegen sein. Zwar spricht er fließend deutsch und ist wahrscheinlich auch deutscher Staatsbürger, aber wenn diejenigen, die Milch nicht mehr von Drink unterscheiden wollen, die es mit den Begriffen nicht mehr so genau nehmen, an die Macht kommen, dann kann aus einem dunkelhäutigen Deutschen schnell etwas anderes werden. Durch einfaches Umbenennen wird dann die Realität verändert. Mit allen Konsequenzen, die dann bequemer- bzw. schrecklicherweise daraus erwachsen….
